Deshalb schreibe ich diesen Brief
talk about it

Deshalb schreibe ich diesen Brief an meine Schwester

Ich weiß nicht, ob das so richtig ist,

was ich hier mache. Sie macht mir Vorwürfe, ich mach ihr Vorwürfe und das geht schon seit Jahren so. Wir wollen endlich mal reden, nur habe ich Angst das es wieder nichts bringt, deshalb schreibe ich diesen Brief, auch damit ich nicht alles vergesse, was ich ihr sagen will.

Heute willst du vorbeikommen

und wir wollen endlich mal reden, nach so vielen Jahren. Nur weil ich meine Klappe nicht halten konnte. Denn es macht mir Angst, mein Kopf ist nur am Rattern, seit ich das weiß. Deshalb schreibe ich diesen Brief, in der Hoffnung, mein Kopf beruhigt sich. Das tut er aber nicht.

Ich weiß nicht,

was du weißt. Was hast du gelesen oder hast du überhaupt was gelesen? Was weißt du von mir und meinem Leben? Auch wenn wir Schwestern sind, aber was weißt du oder denkst du über mich zu wissen?

Ich stelle immer alles in Frage,

egal bei was, was ich anziehe, wie ich meine Haare mache, jedes kleine bisschen. Ich tue mich schwer irgendwas zu entscheiden oder etwas auszusprechen, was mir wichtig ist. Alles aus Angst, auf Reaktionen und das derjenige böse auf mich ist. Deshalb schreibe ich diesen Brief.

Ich hatte nie die Unterstützung,

wie du sie hattest. Alles musste ich alleine managen, unsere Eltern waren nie für mich da. Zumindest nicht bei den wichtigen Dingen, wie Ausbildung und so weiter. Du hattest immer Leute, die dich unterstützt haben und die dir geholfen haben. Sorry das klingt jetzt hart, aber ich hatte immer dich an der Backe, weil ich mich um dich kümmern wollte/musste und dann warst du auf einmal weg, hast nicht zurückgeblickt und all das bekommen was du dir wahrscheinlich immer gewünscht hast. Eine Familie, die nicht säuft, nicht prügelt und sich um dich kümmert. Aber ich war auf einmal allein. Deshalb schreibe ich diesen Brief, um endlich mal alles auszusprechen, was ich immer verdränge.

Wenn ich zum Beispiel zum Geburtstag komme

und alle sind da, schäme ich mich und denke immer das Geschenk ist nicht gut genug. Denn ich sehe was dein Sohn für Geschenke bekommt und ich kann /konnte es nicht. Ich habe mir sooft gewünscht das ich mal mit einem Riesen Geschenk auftauchen kann und zeigen kann das ich gut genug bin. Das ich es auch wert bin akzeptiert zu werden. Die meisten halten einen für Irre, wenn sie hören psychisch krank und verurteilen einen. Ich weiß nicht ob du die Erfahrung gemacht hast. Aber es ist nicht leicht in dieser Gesellschaft. Denn ich habe seit ich krank bin oder es mir eingestanden habe, die Erfahrung gemacht, dass Menschen in meinem Umfeld mich nicht verstehen wollen, aber direkt urteilen. Deswegen auch mein Blog und Instagram.

Dort gibt es ganz viele von mir

und ich bin nicht allein. Wir tauschen uns aus und reden und dort habe ich nicht das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen, warum es mir nicht gut geht. Du weißt das ich dich immer nur beschützen wollte, vor all dem was wir erleben mussten. Vor vielen Sachen habe ich versucht dich fernzuhalten und habe dadurch Dinge erlebt, die ich niemandem wünsche. Deshalb schreibe ich diesen Brief, auch wenn ich denke, dass du wieder denkst, dass ich alte Kamellen ausgrabe. Ich weiß nicht, was du erlebt hast, wenn ich nicht da war, du hast es auch nie erzählt. Aber wenn ich da war, habe ich doch alles getan. Das wir uns jetzt nicht mehr so gut verstehen tut mir weh.

Ich sage mir dauernd,

hätte ich sie doch nicht von allem ferngehalten, dann könnte sie mich jetzt vielleicht besser verstehen. Hätte ich dich Mom sehen lassen oder Omi oder V. Dann hättest du vielleicht jetzt auch gruselige Bilder im Kopf, Flashbacks von all dem was wir erlebt haben. All das wollte ich dir aber nicht zumuten, ich wollte dich von all den schlimmen Dingen fernhalten.

Deshalb schreibe ich diesen Brief.

Gebracht hat es mir nichts. Ich bin gestört, habe falsches Verhalten und Denken erlernt, habe gefühlt keine Schwester mehr und schäme mich nur. Mein Kopf sagt mir, ich bin ein Nichts, das schwarze Schaf der Familie, obwohl ich versucht habe alles zu tun. Ich konnte nicht trauern bei Mom, bei Omi und bei V. Sowieso nicht. Warum nicht? Weil ich stark sein musste / wollte für euch. Ich wollte nicht das ihr leidet und all das durchmachen müsst.

Irgendwann war ich über das Trauern hinweg,

hab es irgendwo ganz hinten in meinem Kopf verbannt /verdrängt. Ich habe noch immer kein Foto von V zu stehen, weil ich es nicht kann. Ich mache ihn verantwortlich für all das was geschehen ist, all das was wir durch machen mussten. Ich weiß nicht ob du das verstehen kannst.

Mein Blog ist nicht nur mein Ventil

und für mich ist es kein Interkram. Ich bin unter Gleichgesinnten, die alle ähnliches durchmachen und auch jeden Tag kämpfen. Das ich soviel dort mache (was ich ehrlich gesagt gar nicht so empfinde), liegt auch daran, dass ich Geld damit verdienen möchte. So wie du über deinen Job redest oder auch andere, so ist das mein „Job“. Ich tue nicht wunder wie, warum auch, ich zeige mich und gebe mich wie ich bin. Dieser Blog ist auch dazu da um meinen Gedankensalat im Kopf rauszubekommen, denn wenn ich das nicht tue, kann ich schlecht oder gar nicht schlafen. Vielleicht denkst du, dass man das ja auch in einem Tagebuch machen könnte, aber jeder verarbeitet es anders und ich habe mich nun mal für diesen Weg entschieden.

Ich schreibe,

um meinen Kopf leer zu bekommen und deshalb schreibe ich diesen Brief. Das hat nichts damit zu tun, dass mich das „wahre“ Leben nicht interessiert oder mich meine Familie nicht interessiert. Es ist ja nun nicht sodass ich 24/7 daran arbeite. MEINE Familie geht immer vor und was den Rest meiner Familie angeht, aus der ich komme, ist es nicht leicht. Da bist nur noch du, auch wenn du das vielleicht anders siehst.

Seit wir beide selbst Familie haben,

verstehen wir uns kaum noch. Unsere Männer können sich nicht leiden und wir lassen uns davon beeinflussen. Deiner ist nicht einfach und meiner auch nicht. Was hat das aber mit uns zu tun? Ich will damit ja nicht sagen, dass wir uns vorher super verstanden haben, die Todesfälle haben ja auch einiges dazu beigetragen und was weiß ich noch. Deshalb schreibe ich diesen Brief.

Ich habe bestimmt einiges falsch gemacht damals

und das tut mir auch leid. Das klingt jetzt wie eine Ausrede, aber ich wusste es nicht anders. Mein ganzes Leben, wollte ich nur geliebt werden und das mal jemand stolz auf mich ist. Das Gegenteil war aber der Fall. Keiner hat hinterfragt, warum ich nicht lange in einem Job bleiben konnte, warum ich so bin wie ich bin. Bis vor zwei Jahren wusste ich es ja nicht mal selbst. Ich durfte aber immer für andere da sein. Wer war für mich da? Ich bekomme Vorwürfe, was ich alles falsch gemacht habe und mich nicht für diese Familie interessiere oder nicht zum Friedhof fahre. Genau deshalb schreibe ich diesen Brief, in der Hoffnung du verstehst mich irgendwie.

Was ist mit dir?

Immer wenn Suris Geburtstag ansteht konntest du nicht kommen, weil irgendwer eurer Freunde Geburtstag hat. Das dein Hund gestorben ist, erfahre ich von anderen. Mir schreibst du, du warst nicht in der Lage jedem zu schreiben. Wem hast du denn geschrieben? Lass mich raten, deinen wichtigsten Freunden und der Familie deines Mannes, aber nicht mir, deiner restlichen Familie. Das machst du immer so, Familie deines Mannes und deine Freunde gehen immer vor, aber ich darf mir anhören, dass ich mich nicht interessiere.

Die Sache mit deinem Mann.

Ja kann sein, dass ich es damals nicht richtig verstanden habe, aber lustig gemacht habe ich mich nicht. Heute verstehe ich es besser, weil ich es selbst erlebe. Deshalb schreibe ich diesen Brief. Du hast mir auch nie das Gefühl gegeben, dass du mich verstehst, geschweige denn mal gefragt. Ihr habt es ja auch sehr lange verheimlicht, wahrscheinlich weil ihr wisst, wie die Gesellschaft darauf reagiert. Es ist nun mal so, dass Menschen gleich urteilen anstatt nachzufragen. Ich habe dadurch alle meine angeblichen Freunde verloren, weil es keiner verstehen will oder wollte.

Klar möchte ich gern mal auf einen Kaffee

oder zum Geburtstag vorbeikommen. Mein Kopf denkt da aber ganz anders. Ich schäme mich und denke ich bin nicht gut genug. Wahrscheinlich weiß jeder Bescheid, von denen die dort sind und dadurch fühle ich mich abgestempelt und verurteilt. Das wichtigste aber ist, ich fühle mich nicht wohl. Denn mein Kopf denkt, dass mich dort eh keiner haben will. Ich traue mich halt nicht, mich bei dir zu melden, weil ich immer denke du sagst nur aus Anstand zu. Es gibt eben noch einige Dinge die ich lernen muss und das ist nicht einfach. Ich habe immer irgendeinen Gedankensalat im Kopf und der größte davon ist eben, dass mich keiner mag und deshalb schreibe ich diesen Brief.

Das ist ständige harte Arbeit.

Es muss nur irgendein kleiner Satz oder ein komisches Wort fallen, schon geht es los, dieses ewige Denken. Das sich fragen, bin ich zu dick oder zu dumm? Bekomme ich wirklich nichts auf die Reihe? Warum mag mich niemand? Es muss nur einen klitzekleinen Auslöser geben und schon fängt mein Hirn mit rattern an und denkt sich so tief darein und alles kaputt, obwohl es gar nicht so schlimm ist oder eben gar nichts ist. Das ist so schwer das zu ändern. Mein Kopf ist den ganzen Tag am Denken. Vieles wird kaputt gedacht und schlecht geredet. Es ist schlimm, ich will doch manchmal auch einfach nur machen und nicht immer vorher alles kaputt denken.

Das ist nicht leicht zu verstehen,

dass weiß ich und deshalb schreibe ich diesen Brief. Ich muss auch meinen Mann immer wieder sagen, dass mein Kopf ständig am Rattern ist und des eben raus muss. Wir haben beide Fehler gemacht und ich finde es scheiße, dass ich meine immer wieder unter die Nase gerieben bekomme. Mich hat es auch geärgert, dass du so selten damals in R. warst und ich mich da um alles kümmern durfte. Omi waschen und pflegen, was zu essen besorgen, denn V. hat das ja nicht interessiert.

Obwohl du näher ran wohnst,

hätten wir uns abwechseln können, aber immer, wenn gesoffen wurde hast du dich zurückgezogen. Wenn sie dann gestorben waren, kamst du und standest da, mit verheulten Augen. Das ist etwas was ich nie verstanden habe. Du hast dich geschämt dafür, dass du solche Eltern hattest und hast dich immer aus der Affäre gezogen, wenn gesoffen wurde. Entweder warst du bei M. oder dann später bei deinem Mann. Ich fühlte mich allein gelassen. Ines ist ja stark, die hält das schon aus. Als ich irgendwann dann aber als die „Gefühlskalte“ abgestempelt wurde, hat keiner mal nach dem „Warum“ gefragt. Ich war eben so und Punkt. Das ärgert mich bis heute und das kann ich irgendwann vielleicht abstellen und deshalb schreibe ich diesen Brief.

Es ist eben nicht schön,

dass man immer nur für andere da sein darf und wenn man selbst mal Hilfe braucht, ist niemand für einen da. Hast du dich nie gefragt, weshalb ich immer wieder irgendwelche Kerle kennenlernte die sonst wo wohnten? Ach nee, ich war ja nur sie Schlampe, die ständig einen anderen hatte und sonst nichts auf die Reihe bekam. Kannst du dich noch an die Wette erinnern mit M? Wenn ich es schaffe solange mit meinem jetzigen Mann zusammenzubleiben, kommt ihr uns besuchen. Ich musste mich immer irgendwie beweisen, weil niemand an mich geglaubt hat.

Ich wollte nur

etwas Liebe und Aufmerksamkeit, die ich von meiner Familie nicht bekam. Ich durfte nur schnell erwachsen werden, sodass ich mich um meine kleine Schwester kümmern konnte und später dann um den ganzen anderen Mist. Am Ende war ich immer nur der Rammbock für alle. Wie es mir geht und was ich durchmache hat nie einen interessiert.

Ich spreche das mit Absicht ganz offen aus,

weil es mal gesagt werden muss und ich will da auch kein Lob oder sonst was für. Dafür ist es zu spät. Jetzt bin ich kaputt und muss mich irgendwie wieder in Ordnung bringen. Wenn ich aber weiterhin darüber schweige, schaffe ich es nicht und deshalb schreibe ich diesen Brief. Ich weiß nicht, ob du das verstehst oder ob du mich auch erst verstehst, wenn ich mir die Radieschen von unten angucke. Keine Ahnung, aber wenn ich dir nicht gut genug bin, dann sag es mir endlich. Denn diese Spielereien und Versuche das wir uns verstehen und am Ende dann doch wieder nicht, bin ich leid und das tut mir nicht gut.

Das merke ich,

seit ich weiß, dass wir reden wollen. Ständig Gedanken an früher, Flashbacks, die ich nicht haben will. Deshalb schreibe ich diesen Brief, damit wir das ein für alle Mal klären und entweder wieder Schwestern sind oder es lassen. Ich muss nämlich endlich damit abschließen.

Ja, ich habe viele Fehler gemacht,

aber damit bin ich nicht allein und das musst auch du erst einsehen. Wenn du immer nur mir die Schuld gibst und dir deine Fehler nicht eingestehst wird es niemals funktionieren. Dein Verhalten und wie du dich gibst, sagt mir, du schämst dich für deine Eltern und möchtest nicht, dass irgendwer davon erfährt. Du verdrängst vieles und willst davon nichts mehr hören. Dein jetziger Status in dieser Gesellschaft gefällt dir und das soll auch so bleiben. Aber du verstellst dich, damit die Gesellschaft dich akzeptiert. Das mache ich nicht mehr, denn mir ist mittlerweile egal, was die Gesellschaft von mir denkt. Denn egal ob sie mich kennt oder nicht, verurteilen tun sich mich so oder so, weil die Menschen nun mal so sind.

Nun bin ich gespannt,

was aus diesem Gespräch wird. Ob wir Schwestern sind oder eben nicht mehr. Ich bin total aufgeregt und durcheinander und deshalb schreibe ich diesen Brief. Ich hoffe nur das ich nichts vergessen habe, was mir auf der Seele brennt.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.